Berlin ist allein nicht lebensfähig Neue Studie sieht in der Struktur der Stadt und der Mentalität die Ursache für die schlechte finanzielle Situation Von André Paul Berlin. Es gibt diese Geschichte von einem Fremden, der in zwei deutschen Großstädten mit einem öffentlichen Bus fahren will. Er hat aber nur einen 100-Mark-Schein zum bezahlen, was bei 2,30 Mark für das Ticket ja zugegeben etwas unpassend ist. In der einen Stadt, es ist egal wo, gibt der Fahrer wortlos raus, Scheine und Münzen. Das dauert, es bildet sich eine lange Schlange anderer Fahrgäste. In der anderen Stadt rüffelt der Fahrer den Kunden unfreundlich an und gibt ihm einen Augenblick später zu verstehen, dass er heute ausnahmsweise kostenlos fahren darf. Diese Stadt ist Berlin. Nun mag die Großzügigkeit dieses Chaffeurs im öffentlichen Personennahverkehr nicht ursächlich verantwortlich sein für die katastrophale Haushaltslage der deutschen Hauptstadt. Aber es hinterlässt, der politisch inkorrekte Leser in anderen deutschen Landesteilen wird zustimmen, ein gewisses Aha-Erlebnis. Die in Berlin können eben einfach nicht mit Geld umgehen! Und wie souffliert passt dazu die Aussage der Spitzenkandidatin von Bündnis 90/Grüne zu den Wahlen am 21. Oktober, Sybill Klotz meint: "Berlin kann sich nicht allein aus eigener Kraft sanieren und braucht eine langfristige finanzielle Hilfe." Die Politikerin nennt die Summe von 33 Milliarden Mark, die der Bund aufbringen müsse. Basta. Unbestritten ist: Schon die geteilte Stadt vor 1989 war ein Topf ohne Boden, und zwar in Ost wie in West. Die Hauptstadt der DDR wurde dank der Arbeitskraft aus der restlichen Republik hochgepäppelt - und trotzdem langte das Geld dort hinten und vorn nie - und West-Berlin hing am Tropf der alten Bundesrepublik. An dieser Situation hat sich auch im vereinigten Deutschland nichts geändert. Gibt es ihn also tatsächlich, den Homo economicus desaströsus berlinae, den deutschen Hauptstädter, der einfach nicht vernünftig wirtschaften kann? Professor Klaus Brake hat unter der Web-Adresse www.berlin-studie.de das Ergebnis einer interessanten Forschung ins Internet gestellt. Darin geht der Wissenschaftler der Frage nach, welche Chancen Berlin in den nächsten Jahren haben könnte und untersucht die Ursachen des kommunalen Missmanagements. "Es beginnt damit, dass in der Stadt kein normales wirtschaftliches Leben stattfindet", erläutert der Professor im Gespräch mit der "Freien Presse". "Die großen Unternehmen, Siemens, AEG, Borsig, sind schon lange weggegangen oder mussten aufgeben." Ein funktionierendes Gemeinwesen mit einer normalen Beschäftigung konnte sich also nicht entwickeln. Der größte Arbeitgeber ist die Stadt, fast 190.000 Menschen stehen direkt bei ihr in Lohn und Brot, Künstler und Angestellte der Hochschulen sind da noch gar nicht mit eingerechnet." Dann wurde bis zuletzt unter der lange regierenden Großen Koalition aus CDU und SPD jeder Posten paritätisch besetzt. War das beim besten Willen nicht möglich, schufen die Verantwortlichen eben einfach eine neue Planstelle." Berliner Politiker sehen sich deshalb auch nie in erster Linie der Stadt und dem Gemeinwohl verantwortlich, sondern ihrer Klientel. Außerdem seien die kommunalen Spitzenpolitiker unfähig, sich und ihr Wirken kritisch zu reflektieren. Seit Jahren kam kein Protagonist der Berliner Administration von außen. Eberhard Diepgen war geradezu ein Inbegriff dieses Gedeihens im eigenen Humus: Kindheit, Jugend, Jura-Studium, erste parteipolitische Aufgaben - alles in Berlin. Und auch der neue Regierende Klaus Wowereit ist ein hundertprozentiges Eigengewächs. Die Vertreter der Berliner Parteien kommentieren die Ergebnisse der Studie unterschiedlich. Rolf Steltemeier, Sprecher der FDP, die im bisherigen Abgeordnetenhaus nicht vertreten ist, schiebt im Gespräch mit der "Freien Presse" einen großen Teil der Schuld auf das Wirken der Großen Koalition. "Wenn Menschen zu lange in einem Amt agieren, dann führt das eben zu Filz." Dass seine Kollegin Klotz von den Grünen die Summe von 33 Milliarden Mark nannte, war für ihn "der falsche Zeitpunkt." Steltemeier weiter: "Wir müssen nach der Wahl sehen, wie die Lage ist." Dass die besonderen Funktionen von Berlin auch weiterhin eine hohe Bezuschussung nötig mache, will er aber nicht bestreiten. Konkurrent Matthias Wambach von der CDU verweist auf kostenintensive Einrichtungen wie etwa die Stiftung preußischer Kulturbesitz. "Bonn konnte durch die Tatsache, dass Nordrhein-Westfalen als Bundesland mit einsprang, die Rolle als Regierungssitz leichter verkraften." Wambach ergänzt: "Wir haben drei Demonstrationen pro Tag in der Stadt, das kostet. Oder nehmen sie die 40 Milliarden Mark Schulden durch die Wohnungsbaualtlasten aus der DDR." Der CDU-Mann weiter: "Und wir bauen den öffentlichen Dienst ja ab, 65.000 Stellen weniger in den letzten Jahren." "Es gibt nicht mehr Filz bei uns, als in anderen Städten", ist dann meist die beleidigte Reaktion von Berliner Politikern aller Coleur. Doch nur ein Beispiel dagegen: Seit Jahren habt das Abgeordnetenhaus dem Senat erlaubt, den Haushalt um 1,5 Milliarden Mark zu überziehen - in weitgehend fraktionsübergreifender Harmonie. Doch während sich bei den Vertretern aller anderen Parteien in der Kommentierung noch Scham, Trotz und Verharmlosung die Waage halten, lässt der Spitzenkandidat der PDS für das Bürgermeisteramt, Gregor Gysi, längst alle Hemmungen und Zurückhaltung in Gelddingen fallen. In seiner gewohnt nassforschen Art verkündete er kürzlich auf einer Veranstaltung: "Ich möchte, dass in Deutschland endlich eine Debatte darüber geführt wird, was den Leuten denn Berlin nun eigentlich wert ist." -------------------------------- (c) Freie Presse Chemnitz